Frater Io
Als junger und ambitionierter Adept der magischen Künste ist Io der jüngste Ordensbruder, dem die Ehre zuteil wurde, die Schriften arkaner Zauber zu studieren. Nicht immer zur Freude der übrigen Gemeinschaftsbrüder, wie man hört. Denn während Io in den Gewölben tief unter den Klostermauern seine wissbegierigen Augen in allerlei Schriftrollen, Foliante und Pergamente zu vertiefen vermag, müssen seine Mitstreiter die täglich anfallenden Arbeiten des Ordens in Unterzahl verrichten. Es ist wenig überraschend, dass hin und wieder ein missgünstiger Blick Io ob seiner Privilegien trifft.
Nur wenig ist von offizieller Seite über die Herkunft des Bruders Io bekannt - ebensowenig über seine Zeit vor dem Beitritt zur Ordensgemeinschaft. Manch einer glaubt, das Magistrat persönlich verschleiere dies absichtlich. Eine glaubhafte Quelle besagt, dass die Großmeister auf Io aufmerksam wurden, als er mit einem seiner ausgeklügelten Zauber eine finstere Präsenz, welche nachweislich über Jahre die Familien der Stadt heimsuchte und Zwietracht säte, im Dachgebälk einer örtlichen Wassermühle entlarvte und erfolgreich verbannte. Der Statthalter Falco und dessen Frau schwören hingegen auf das Talent des jungen Io in der präzisen Kunst der Tränke. So soll angeblich der mittlerweile in Mode gekommene Kraftmet die Lebenskräfte des Statthalters, welche über mindestens ein Jahrzehnt hinweg zu schwinden schienen, ganz zur Freude seiner Gattin binnen weniger Tage wiedererweckt haben. Der Ratsvorsitzende Gaio bestätigte dies glaubhaft. Noch nie habe er jemanden derart freudig im Senat umhertanzen sehen. Welchen Anteil Io an der Entwicklung der streng geheimen Rezeptur trägt, ist bis heute nicht belegbar. Jedenfalls vermutet man seinen Ordensbeitritt in zeitlicher Nähe zu diesen Ereignissen.
Einige Skeptiker schüren neuerdings das Gerücht, Io sei ebensowenig ein lupenreiner, frommer Ordensdiener, wie die atemberaubend schöne und unter fahrenden Händlern wohl bekannte Naiida von Skopje eine ist. So wollen manche mit bloßen Augen beobachtet haben, wie Io sich in der Herbeirufung zwielichtiger Erscheinungen übte und gelegentlich sogar ihre Form annehme. Zu aufmerksamkeitserregend sollen die roten und violetten, flammenartigen Lichter sein, die aus den kleinen, gitterbehangenen Fenstern der Klosterkatakomben wie Funken sprühen. So unverkennbar seien die rhythmischen Trommelschläge und das Klirren der Schellenkränze, die bis hinaus auf die Felder und Straßen schallen. "Zu weit gehen seine kleinen nächtlichen Studien", munkelt man. "Zu tief steckt der Bursche seine neugierige Nase in die staubigen Schriften", heißt es. Belege über diese angeblichen Sichtungen gibt es nicht. Die vermeintlichen Augenzeugen halten sich meist anonym. Knut der Fromme, ein pflichtbewusster Sekretär, der die Normalität seines von Zahlen und Daten erfüllten Lebens beteuert, ist einer der wenigen Anwohner, der seinem Unmut über das Treiben hinter den Klostermauern lauthals Gehör verschafft. "Krumme Dinge treiben die da oben. Erst die Lichter, dann dieser markerschütternde Lärm und schon rennt der Knabe tagelang mit verhüllten Augen umher und meidet jeglichen Kontakt", beteuert Knut. "Da geht's nicht mit rechten Dingen zu, das sieht doch ein Blinder. Die bereiten ihn auf etwas vor...".
Der Orden selbst bestreitet jegliche Beteiligung an oder das Wissen um solche Praktiken und dementiert diese hanebüchenen Behauptungen als Fieberträume und Wahnvorstellungen verwirrter Gemüter. Weiterhin genießt Io unter jenen, die mit ihm in Kontakt treten, Ansehen als zurückhaltender, hilfsbereiter, wissbegieriger und überaus detailverliebter Schüler der alten magischen Zunft.



